Hope – Unsere einzige Hoffnung (Leseprobe)

Kapitel 1

Rauch stieg im östlichen Teil der Stadt Cyron auf. In diesem Areal lagen die Labore, daher war das kein seltener Anblick. Dennoch waren kurz zuvor viele Menschen voller Panik aus dem Stadtarchiv und anderen nahegelegenen Gebäuden geeilt. Sie hatten eine kleine Erschütterung gespürt und fürchteten einen Anschlag der Magier. In den letzten Wochen hatten einige Angriffe die Angst der Bewohner in Cyron geschürt. Ihre Feinde hatten es auf das Hauptenergie-Netzwerk namens „Coroc“ abgesehen. Es war das Herzstück der Stadt, eine künstliche Intelligenz, die mit so ziemlich allem verbunden war. Würden die Magier es schaffen Coroc lahmzulegen, wäre die Stadt dem Untergang geweiht.
Professor Robert J. Stanson sah durch die verglaste Westwand seines Wohnzimmers. Erst vor Kurzem war er aus dem Forschungszentrum nach Hause gekommen. Die Erschütterung hatte auch ihn erfasst und zum Fenster getrieben. Sein Blick fiel auf den schwarzen Liegesessel, auf dem sein Sohn noch immer mit dem Hologramm eines Buches beschäftigt war.
„Du schaust nicht einmal aus deinen Geschichten auf, wenn Cyron tatsächlich angegriffen wird, oder?“
Sam sah ihn genervt an. „Bitte! Das passiert doch ständig in den Laboren. Bei den ganzen Explosionen wundert mich, dass sie es überhaupt schaffen irgendetwas fertig zu bauen.“
„Erfolg und Misserfolg liegen eben eng beieinander. Die Erfahrung wirst du sicher noch oft genug machen. Du solltest aufhören den Erinnerungen nachzujagen, Sam. Die Erde ist heute nicht mehr als eine Fantasie.“
Sein Sohn rollte mit den Augen und ließ das Hologramm erlöschen, bevor er sich aufsetzte. „Das sagst du immer. Aber es interessiert mich eben. Ich kann mit deinen Forschungen nichts anfangen – oder dem albernen Krieg vor der Haustür.“
Da waren sie wieder. Die Worte alberner Krieg, die Sams Vater nur allzu oft Sorgen bereiteten. Zu gern würde er auf ein Neues versuchen seinem Sohn den Ernst der Lage zu erklären, doch er wusste, dass Sam ihm nicht wirklich zuhören würde. Er war mit seinen Gedanken sicher wieder ganz woanders. Vielleicht hatte er ein Buch über das alte Ägypten gelesen, über Pyramiden, Pharaonen und Sonnengötter. Vielleicht war er aber auch mit seinen Gedanken auf den sieben Weltmeeren unterwegs gewesen, wo er Piraten jagte oder nach unentdeckten Inseln suchte. „Ich kann nur hoffen, dass dein Unterricht bald weitergeht. Irgendwann verschwindest du noch in einem dieser Hologramme.“ Sam verschränkte genervt die Arme. „Bestimmt“, pflichtete er ihm sarkastisch bei.
„Mister Stanson?“, schon an der etwas verzerrten Stimme erkannte Sam, dass das liebste Spielzeug seines Vaters soeben den Raum betreten hatte: die gute Seele des Hauses, wie er sie oft nannte. Ein Roboter oder, wie man auf Hope sagte, ein Cyborg. In diesem Fall ein weiblicher, der dafür zuständig war das Haus sauber zu halten und einem sämtliche Erledigungen abzunehmen. Sein Vater hatte darauf bestanden ihr einen Namen zu geben, ihre Serienkennung war ihm zu unpersönlich. Dabei hatte diese Version noch nicht einmal eine K.I., obwohl sein Vater sich einen neuen Cyborg ohne Probleme hätte leisten können. Roboter waren unheimlich teuer und auf Hope ein Statussymbol, wie zu den Zeiten der Erde vielleicht eine Luxusyacht. Aber scheinbar hing sein Vater an diesem alten Modell. Für Sam war der Roboter allenfalls eine billige Haushaltshilfe, die seinem Vater die Hausarbeit erleichtern sollte – und seiner Mutter, wenn diese zu Hause war. Solange diese sich noch mindestens zwei weitere Jahre in der westlichen Außenanlage befand und sich um neue Energiequellen bemühte, musste er sich das Essen wohl weiterhin von Jenna machen lassen. Jenna! Schon den Namen fand er furchtbar unpassend. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte Sam darauf bestanden, sie zumindest mit dem Kennungskürzel Q anzusprechen. Q wäre ein wesentlich passenderer Spitzname gewesen. Aber er wurde ja nie nach seiner Meinung gefragt! Wenn es um Roboter ging, war sein Vater in seiner eigenen Welt. Mit dem Erschaffen der K.I. durchbrachen die Techniker laut Meinung der Magier ihre Grenzen. Schließlich spielten sie Gott mit den Maschinen.
Sam hatte selbst keine Meinung dazu, er war mit Robotern aufgewachsen. Er konnte sie nicht als ebenbürtig ansehen, jedoch auch nicht als unnütze Gesellschaft. Für ihn war es vollkommen normal, dass fast alles technisch gesteuert wurde. Wieso sollte es falsch sein, einen Cyborg an die Tür zu schicken? Das war doch immer noch freundlicher und menschlicher, als einem Gast die Tür einfach ferngesteuert zu öffnen.
Aber was wusste er schon? Während er sich in seinen Gedanken verloren hatte, war sein Vater längst in ein Gespräch mit Jenna vertieft. Sam hatte nur Bruchstücke davon aufgeschnappt. Es ging um eine neue Roboter-Serie der K.I.-Entwicklung und sein Vater wurde nun wohl zum endgültigen Testlauf gerufen. Alles andere war irgendwie an ihm vorbeigegangen.
„Willst du mich begleiten?“ Sein Vater strahlte plötzlich wieder diese wahnsinnige Vorfreude aus, die man ihm immer ansah, wenn eine seiner Forschungen sich dem Ende neigte. Durch die zahlreichen Angriffe der Magier waren die Schulen vorübergehend geschlossen worden. Selbst die Grenzgebiete außerhalb der Stadt waren zum Sperrgebiet erklärt worden. Alles aus Sicherheitsgründen. Wohin hätte Sam also sonst gehen können, wenn ihn alles andere in Cyron langsam langweilte?
„Wenn ich jetzt mitkomme, darf ich wieder ins Stadtarchiv. Ist das ein Deal?“
Sein Vater lächelte. Das war eindeutig ein gutes Zeichen, wenn man bedachte, dass Sam ein zweiwöchiges Verbot erhalten hatte. Davon waren gerade einmal drei Tage vorüber, die ihm schon jetzt wie eine Ewigkeit vorkamen. „Abgemacht“, willigte sein Vater ein. Er wollte seinen Sohn unbedingt an diesem Testlauf teilhaben lassen, denn er plante etwas ganz Besonderes und war gern dazu bereit einmal ein Auge zuzudrücken. Sam klatschte voller Freude in die Hände und sprang vom Sessel auf.
„Aber“, ertönte die Stimme seines Vaters plötzlich mit mahnender Stimme, „ich will, dass du dich dann auch an die Regeln hältst. Erwische ich dich noch einmal dabei, wie du dich nachts aus dem Haus schleichst, kannst du dem Archivmaterial der Erde für mindestens einen Monat auf Wiedersehen sagen. Ist das deutlich genug, junger Mann?“ Sam nickte, auch wenn er am liebsten den Kopf geschüttelt und seinem Vater einen Vogel gezeigt hätte. Er schlich sich ja nicht ohne Grund aus dem Haus! Sein Vater war doch auch irgendwann einmal 17 gewesen. Man sollte meinen, er wüsste, wie wichtig es war auf einer Party aufzutauchen, um nicht als Außenseiter dazustehen. Oft genug musste Sam sich blöde Sprüche von seinen Mitschülern anhören, seitdem sie ihm das Hologramm- Armband geklaut hatten und seine Vorliebe für alte Geschichten entdeckt hatten. Der Zeitreisende hatten sie ihn genannt. Schon der Unterricht in Geschichte war für die meisten langweilig und uncool. Das Leben von früher war für seine Mitschüler primitiv und lächerlich. Die Entwicklung dahinter erkannten sie nicht, aber Sam war auch nicht daran interessiert ihnen das Thema näherzubringen. Er musste seinen scheußlichen Spitznamen loswerden und wieder einer von ihnen werden. Andernfalls würde das Abschlussjahr ein wahrer Alptraum werden.

Sein Vater schickte Jenna, um ihm und Sam ihre Mäntel zu bringen. „Sehr gern“, lautete ihre verzerrte Antwort und schon verließ sie das Wohnzimmer in Richtung Flur. Sie brachte ihnen zügig zwei weiße Mäntel. Was auch sonst? Zu dieser Zeit war Weiß unglaublich in Mode. Schräg geschnitten und eng anliegend, mit passenden weißen Handschuhen. Sam war eher ein unauffälliger Typ. Dunkle und unscheinbare, schlichte Kleidung hätte seinen Geschmack eher getroffen. Mit den blonden Haaren und der hellen Haut kam er sich schon blass genug vor. Doch er wurde auch bei solchen Dingen nicht gefragt. In Cyron sah einer wie der andere aus und das schien auch jedem zu gefallen.
„Willst du das nicht hierlassen?“ Sein Vater deutete auf das Hologramm-Armband. Sam griff instinktiv danach und umklammerte es mit seiner rechten Hand, als wollte sein Vater es ihm wegnehmen. „Natürlich nicht. Vielleicht will ich Aufnahmen machen.“ Sein Vater lachte. „Die lassen dich niemals mit einem Gerät wie diesem da rein. Bilder sind nicht sicher, mein Sohn.“
„Das sind Erinnerungen auch nicht mehr. Was ist denn, wenn die Magier dich eines Tages entführen und sich in deinem Kopf einfach alles ansehen, was sie wissen wollen? “ Sein Vater strich sich über den Mantel, als wollte er ihn noch etwas zurechtrücken. „Ich wäre sicher tot, ehe sie irgendetwas wüssten.“ Sein Lächeln erlosch. „Deshalb ist dein alberner Krieg vor der Haustür auch gar nicht so lustig.“ Dann wandte er sich an Jenna, der er zur Verabschiedung stets zunickte. Sam ging wie immer achtlos an ihr vorbei, während er sich das Armband abstreifte und es in seine Manteltasche steckte. Er ließ sich nichts anmerken, doch allein der Gedanke an den Tod seines Vaters ließ ihn erschaudern.

Die Tore des Forschungsgeländes öffneten sich. Ein weiß lackiertes Fahrzeug schwebte auf den großen Platz und wurde von zwei riesigen Robotern mit Laserstrahlen gescannt. Sams Vater erklärte ihm, dass es sich hierbei um die neuesten Versionen der sogenannten Kontrolleure handelte. Sie prüften die Fahrzeuge auf Waffen und Sprengstoffe aller Art. Diese beiden waren länger in der Lage Kälte und Hitze standzuhalten als das Vorgängermodell. Seit die Magier nun auch mit elementarer Energie angriffen, war es zwingend notwendig, dass Cyrons Forscher dafür ausgerüstete Maschinen erschufen. „Das Hauptsystem Coroc ist an vielen Stellen bereits mit Material dieser Art ausgestattet, aber solange die Aufrüstung nicht abgeschlossen ist, haben wir allen Grund uns vor ihren Angriffen zu fürchten.“ Sein Vater klang ernst. Er machte sich allem Anschein nach große Sorgen und Sam konnte das nicht nur in seiner Stimme hören. Die Augen seines Vaters strahlten es in letzter Zeit oft aus. Kein Wunder, wenn man auf den ganztägigen Nachrichtensendern rund um die Uhr mit Bildern aus den Kriegsgebieten konfrontiert wurde! Die Schutzkuppeln der attackierten Städte wurden mit Gesteinsbrocken beschossen. Ganze Horden von Magiern lenkten sie mit unsichtbarer Kraft auf das tonnenschwere Glas. Jagdgleiter des ansässigen Militärs wehrten sich unterdessen mit Lasergeschützen. Die Bodentruppen sahen sich während solcher Szenarien meist dem Pfeilhagel der Jäger ausgesetzt. Das alles wurde vom Lärm der Einschläge und der panischen Schreie übertönt. Magier teleportierten sich unter die Schutzkuppel. Sie töteten die Wachen an den Energietoren und bereiteten den Weg für die Elementarmagier vor. Diese schleuderten dann ungehindert Feuerbälle auf ihre Opfer oder gefroren sie noch an Ort und Stelle.
Sam sah sich solche Dinge ungern an. Der Anblick der Außerirdischen weckte in ihm immer ein ungutes Gefühl. Sie mochten sich mit einigen Menschen verbündet haben, doch die Techniker waren der Meinung, dass die Magier sie nur aufhalten wollten. Vielleicht fürchteten die Magier sich davor, dass die Techniker ihnen eines Tages gefährlich sein könnten. Das ganze Gerede um das Gleichgewicht im All schien bislang nichts Handfestes zu sein. War ein Stern zerstört, entstand irgendwo ein neuer.
Die Natur kannte keinen Tod. Sam war davon fest überzeugt, seit er es in einem Buch gelesen hatte. Alles, was verging, brachte etwas Neues. Die Erde war für ihn eines der besten Beispiele. Sie war ja noch da, sie war nur krank, wie er es nannte. Und sie würde einige Zeit brauchen, um sich davon zu erholen. Dann würde es neues Leben geben, wenn sie nicht sogar schon Geschöpfe hervorbrachte, die unter den jetzigen Bedingungen leben konnten. Hier wusste das schließlich keiner. Seit sie geflohen waren und die letzten Generationen, die die Erde noch als ihr Zuhause gekannt hatten, starben, verblasste der allgemeine Wunsch dorthin zurückzukehren. Es gab bisher niemanden, der dorthin gereist war. Doch Sam hatte sich fest vorgenommen die Erde eines Tages zu besuchen. Er wollte den Ort sehen, der eigentlich seine Heimat gewesen wäre, und den blauen Planeten selbst erkunden.

Die Kontrolleure gaben Entwarnung und ließen Sam und seinen Vater passieren. Der Weg bis zum Haupteingang lag weit vom Tor entfernt. Alles war übersichtlich gestaltet. Auf diesem Platz gab es nur ebene Erde, denn die Kontrolleure mussten die gesamte Umgebung im Blick haben. Die Schutzzäune zogen sich um das Gelände herum. Die Flüssigkeit, die von den Metallstangen abgesondert wurde, war bei jedem Kontakt mit menschlicher Haut tödlich. Die Umgebung des Forschungszentrums war mit Warnhinweisen versehen. Leuchtend schwebten sie über die umliegenden Wege, um jeden zu alarmieren, der sich dem tödlichen Zaun näherte.
Sams Vater hatte ihn schon im Kindesalter darauf geeicht, diesen Absperrungen niemals zu nahe zu kommen, denn diese gab es in vielen Gebieten der Stadt. Die Labore, das Regierungsgebäude und das Militärzentrum wurden damit geschützt. Alle anderen Schutzmaßnahmen, die sich direkt in Cyron befanden, waren nicht ganz so drastisch. Sie konnten jemanden betäuben, sonderten Stromschläge ab oder lähmten den Körper schmerzhaft, doch das war im Gegensatz zum sofortigen Tod eher harmlos. Die silberne Flüssigkeit, die von den Hochsicherheitszäunen ausging, griff den Körper nicht sofort an, sie drang durch die Haut ein. Bei Maschinen fand sie ihren Weg durch kleinste Öffnungen und fraß sich wie Säure durch ihr Inneres. Sam hatte zum Glück niemals jemanden gesehen, der diesem Schrecken ausgesetzt war, doch in den Nachrichten wurden immer mal wieder Tote beklagt, die mit den Absperrungen in Berührung gekommen waren.
Als das Fahrzeug vor dem Haupteingang hielt, bat Sams Vater darum, die Mäntel dort ablegen zu dürfen. Die Sicherheitskontrollen hielten einen schon lang genug auf und er wollte umgehend in den Testraum. Sam hatte schon seit Wochen keinen Fuß mehr in das Forschungszentrum gesetzt. Die Prozedur durch die fünf Sicherheitszonen war ihm jedoch nur allzu vertraut. Die Tür ließ sich ohne Ausweis und Scan der Pupille seines Vaters erst gar nicht öffnen. Doch als diese endlich lautlos aufglitt, betraten sie einen langen und tristen Korridor.
Die Stimme der K.I. des Forschungszentrums erklang: „Guten Abend, Professor, die Nachricht aus dem Fabrikgebäude hat Sie wohl erreicht.“
„Ihnen auch einen guten Abend, Verone. Der Bau der ersten Serien ist endlich abgeschlossen. Ich bin gespannt, ob sie alle Testläufe reibungslos absolvieren werden.“
Sein Vater ging während des Gesprächs weiter. Verone war überall in dem Gebäude – wie ein unsichtbarer Wächter. Sam eilte hinterher. Diese K.I. kannte ihn und stellte daher keine Fragen. In der Zeit seiner ersten Besuche hatte er sich mehrmals weiteren Sicherheitskontrollen stellen müssen, denn sie war Fremden gegenüber unglaublich misstrauisch.
„Ich werde die Energiezufuhr zum Testraum freischalten. Werden Sie eine Cyborg-Hilfe benötigen?“
Am Ende des Ganges legten Sam und sein Vater alle Gegenstände ab und leerten ihre Taschen. Dinge wie Schmuck, Körperfunktionsmesser, Kommunikationsgeräte oder ähnliches wurden direkt in eine quadratische Öffnung in der Wand gelegt. Von einem Eingang war zu dieser Zeit noch nichts zu sehen.
„Ich werde keinen wissenschaftlichen Cyborg brauchen. Aber Sie können uns gern einen militärischen zur Verfügung stellen, nur für den Notfall, Verone.“
„Sie haben den Vorfall der R1-Serie wohl noch nicht vergessen, Professor?“
Sein Vater lächelte. „Den werde ich wohl nie vergessen können. Aber aus solchen Dingen lernt man.“
„Was ist denn da passiert?“, fragte Sam neugierig, während er seine Aktionsbrille, die er für Spielsimulationen benutzte, in die Öffnung legte. „Die ersten Testborgs der R1-Serie waren etwas aggressiver Natur.“
Dann gab sein Vater Verone den Befehl zum Scannen. Die Vertiefung schloss sich und vor ihnen zog sich die Wand nach oben. Nun gingen sie in den kleinen Raum vor ihnen, in dem sie selbst noch einmal durchleuchtet wurden. Als Verone für sie und ihre Habseligkeiten die Freigabe erteilte, ging es in diesem Raum abwärts. Die nächste Sicherheitstür ließ sich erneut nur durch seinen Vater und die anderen Forscher öffnen. Er legte seine Handfläche auf die vorgesehene Scheibe. Es wurde ein Stimmabgleich gemacht, während der Professor seine Mitarbeiternummer nannte. Doch auch im nächsten Gang waren sie noch immer nicht im Zentrum angekommen. Eine weitere Sicherheitstür trennte sie von den Laboren, IT-, Test- und Lagerräumen.
Die Öffnung in der Wand lichtete sich und sie konnten ihre Gegenstände wieder an sich nehmen. Alles, was im Forschungszentrum als verbotenes Gut galt, wäre längst zerstört worden – so wie Sams Hologramm-Armband, das nun sicher im Wagen lag. Bild- oder Tonaufzeichnungen waren strengstens verboten, ebenso wie Lebensmittel, Getränke, Waffen, Speichergeräte, Werkzeuge und viele andere Dinge. Alles, was für die Arbeit benötigt wurde, war vor Ort. Verone überwachte jeden Forscher und war für seine Sicherheit, aber auch für die Kontrolle seines Handelns verantwortlich.
Sie verfügte über ein unglaubliches Arsenal an Verteidigungs- und Angriffsmöglichkeiten.
„Verone, ich leite jetzt die letzte Sicherheitsstufe ein“, informierte sein Vater die K.I. und gab seinen mehrstelligen Code in das Tastenfeld der letzten Tür ein.
„Zutritt gewährt“, ertönte Verones Stimme und die letzte Tür glitt beiseite.

Vor ihnen lag die riesige Eingangshalle des Forschungszentrums. Inmitten des Raumes stand ein Kontrollfeld, über dem Überwachungsbilder der gesamten Anlage schwebten. Die Felder wurden von den Wachleuten bedient, die sämtliche Daten der Forschungsobjekte und der Forscher selbst kontrollierten. Überall eilten Männer und Frauen in ihren Kitteln umher, meist begleitet von einigen Cyborgs, die ihnen zur Sicherheit und als Hilfe dienten.
„Der Testraum ist für Professor Robert James Stanson freigegeben“, gab Verone den Bedienern des Kontrollfeldes bekannt. Ein weiteres Bild leuchtete auf.
„Komm mit, Sam“, sagte sein Vater und deutete ihm weiterzugehen. Es war ein weiter Weg durch die Halle bis zu ihrem Ziel. Immer wieder grüßten einige andere Forscher seinen Vater. Nur bei einem blieben sie kurz stehen.
„Frank, ich hatte dir doch versprochen, dir einmal meinen Sohn vorzustellen.“ Der Mann reichte Sam die Hand. „Das ist Samuel.“
Oh nein, schoss es Sam durch den Kopf. Er mochte seinen Namen nicht. Wieso musste sein Vater ihn immer ausgerechnet so vorstellen?
„Guten Tag, junger Mann! Sie werden sicher einmal der nächste Einstein.“ Er lächelte und Sam war schlagartig fasziniert von diesem Mann.
„Sie kennen Einstein?“, verblüfft sah er ihm in die Augen.
„Na, es wäre eine Schande einen Mann wie diesen nicht zu kennen. Unsere Geschichte ist doch der Anfang von all dem hier, nicht wahr?“
Sam nickte sprachlos.
„Nun wird er dich so schnell nicht vergessen, Frank.“ Sams Vater lachte. „Mein Sohn ist an Geschichte sehr interessiert.“
Frank schien erfreut. „Das ist immer eine gute Basis für einen großen Wissenschaftler. Nur, wer Altes kennt, kann Neues entdecken. Es war mir eine Ehre, Samuel.“
„Mir auch, Sir“, erwiderte Sam kurz, der gar nicht begreifen konnte, wie er in so kurzer Zeit so viel Sympathie für diesen Mann aufbringen konnte.
Sein Vater legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er sah ihn voller Stolz an und führte ihn dann weiter durch die Halle. „Hier ist es.“
Neben dem Eingang hielt, wie bestellt, der Soldat, ein militärischer Cyborg, Wache. Sein Vater legte seine Hände auf eine Scheibe an der Tür und diese öffnete sich.
„Du wirst fasziniert sein, Sam. Die R2-Reihe sieht uns schon unglaublich ähnlich. Wir planen, sie in sämtlichen Altersgruppen zu liefern. Das wird für Kinder sicher förderlich sein. Sie werden zum ersten Mal in unserer Geschichte ein Cyborg-Kind als realistischen Spiel- und Lerngefährten erhalten.“
„Du meinst, solange man in einer Familie lebt, in der man sich so etwas leisten kann.“ Sam klang mal wieder skeptisch.
„Der Preis sinkt mit der Nachfrage, mein Sohn. Wir haben schon so viele Vorbestellungen, dass der Preis dieser Serie schon in den ersten Monaten unglaublich sinken wird.“
Sam blies die Wangen auf und stieß seinen Atem hervor. „Sehen wir uns das einfach mal an“, schlug er vor. Sein Vater war immer begeistert von dem, was sie erschufen. Meist gab es aber kaum erkennbare Unterschiede zwischen den Ziffern der Alphabet-Serien. Mit der A1-Serie hatte das Projekt Cyborg angefangen. Als diese damaligen Modelle ihre ersten Verbesserungen erhielten, entstand daraus der A2. Bei den folgenden B-Modellen wurde das Aussehen weiter optimiert. Doch bislang waren der Wissenschaft zwischen den Serien kaum große Sprünge gelungen. Bis auf den Durchbruch, der mit den ersten K.I.-Cyborgs der Q3-Serie gelungen war, kamen nur langsam weitere Optimierungen hinzu. Die R1 Cyborgs sahen schon sehr menschlich aus, doch viele Änderungen erwartete Sam nicht. Wieso sollte ein R2 gleich um ein Vielfaches besser sein als das Vorgänger-Modell der R1-Serie, die erst im letzten Jahr vorgestellt worden war?
Sie traten an die Versorgungskapsel heran. Sie war das Gefäß, in dem der Cyborg bis zur Auslieferung lag, eingebettet in ein zähflüssiges Material, das sein Vater Lebenssaft nannte, weil es jeden Teil der Maschine auch über Jahre hinweg im besten Zustand erhielt.
Bevor der Professor die Kuppel öffnete, packte er seinen Sohn mit beiden Händen fest an den Schultern. „Ich hoffe, dass alles gut laufen wird, denn wenn sie funktioniert, wird sie dein erster eigener Cyborg werden.“
Sams Augen weiteten sich überrascht. „Ich weiß, dass du nur nett sein willst, aber wozu soll das gut sein?“
Doch sein Vater ließ sich nicht beirren und schlug mit der Faust auf den Knopf, der die Versorgung beendete und die Kuppel öffnete. Licht strömte durch den zähflüssigen Inhalt nach draußen. Nackt und in Fötus-Stellung lag der weibliche R2-Test-Cyborg dort. Die dunklen Haare waren über dem Kopf zusammengebunden. Unter ihren geschlossenen Augen, an den Brüsten, Beinen und Kniescheiben zogen sich blaue Linien durch die Haut, in denen bläuliches Licht schimmerte. Diese Öffnungen waren nur an den Oberschenkeln sehr breit, ansonsten konnte Sam seinem Vater nur Recht geben. Sie wirkte unglaublich realistisch und sah ziemlich jung aus, in etwa so alt wie Sam selbst. „Die Öffnungen sind bei diesem Modell gering gehalten. Die bläuliche Substanz ist ähnlich wie die Haut, nur etwas durchsichtiger. Man erkennt allerdings nichts Technisches, denn dahinter liegen Kontrollpunkte, die während ihrer Laufzeit stets beleuchtet sind. Gibt es ein Problem, dringen wir durch die Öffnungen ein, um der ansonsten perfekten menschlichen Haut nicht zu schaden. Die Substanzen sind leicht und unerkennbar zu verschließen, das macht die R2-Serie bislang einzigartig. Es gibt einige wichtige Kontrollpunkte, das sind die hinter den runden Öffnungen: einer unter dem Arm nahe ihrer Brust, mit dem sie zum ersten Mal gestartet wird und durch den wir an das sogenannte Herz kommen, dann je zwei an jedem Fuß. Diese sind wichtig, weil wir dort einige Speicherkristalle platziert haben, die Daten ihres Körpers aufzeichnen. Das ist wirklich eine ganz neue Technik, Sam. Sie ist mit einer gefühlvollen K.I. ausgestattet, sie empfindet Schmerz, Mitgefühl, Freude und dergleichen. Das ist bahnbrechend und wir glauben, damit einen ganz neuen Schritt in die Beziehung zwischen Cyborg und Mensch zu gehen. Cyborgs werden ein Teil der Familie werden. Ihnen einen Namen zu geben, wird nicht länger lächerlich anmuten. Ihnen keinen zu geben wird herzlos erscheinen. Ich bin mir ganz sicher, dass wir mit den Erkenntnissen, die wir bei der Herstellung der R2- Serie gesammelt haben, auch das Hauptsystem Coroc weiter ausbauen können.“
Aufgeregt streichelte er dem Cyborg über die Haut, während er seinem Sohn diese Errungenschaft ans Herz zu legen versuchte.
„Ist sie 17?“
Sein Vater begriff schnell, dass Sam mal wieder kaum zugehört hatte. Doch er freute sich, dass er zum ersten Mal mit den Gedanken im Hier und Jetzt war, als er nachfragte.
„Ja, ich dachte, es wäre gut dir einen Cyborg zu schenken, der optisch ungefähr deinem Alter entspricht.“ „Wofür soll sie denn gut sein? Ich habe Freunde, ich brauche keinen Roboter.“
„Der R2 dient nicht nur als Hilfe, Begleitung, Ratgeber oder ähnliches. Er dient auch der Sicherheit, Sam. Sie ist auch darauf programmiert, dich vor Gefahren zu schützen.“
Sein Sohn verdrehte genervt die Augen. Eine nicht unbekannte Geste für den Professor.
„Sie soll mich von Dummheiten abhalten, oder?“
„Wir werden sehen, wie sie sein wird, Sam. Ich kann sie zu nichts zwingen. Sie ist eine gefühlvolle K.I., vergiss das bitte nicht.“
„Wenn sie bei Filmen anfängt zu weinen, hört mein Verständnis für den Gefühlskram bei Robotern aber wirklich auf.“ Er lächelte kurz und steckte auch seinen Vater damit an.
„Jaja, Sam, mach dich nur lustig!“
Dann ergriff er die Hand seines Sohnes und führte sie zu dem runden Kontrollpunkt unter ihrem Arm. „Du musst fest drücken. Es wird einen Moment dauern, bis sie erwacht und dann können wir nur hoffen, dass sie keine Probleme wie ihre Vorgänger-Version verursacht.“
Sam presste seine Finger auf ihre durchschimmernde Haut. Sie fühlte sich bereits jetzt warm und dadurch irgendwie lebendig an. Schnell zog er die Hand zurück.
Sein Vater wandte sich erneut an Verone: „Starten Sie die Aufzeichnung, ich brauche mindestens eine Frontansicht und eine vom Profil des R2.“
„Aufzeichnungen werden gestartet, Professor.“
Die Fingerspitzen des Cyborgs zuckten mehrmals, bevor sie sich streckten. Es sah wirklich aus, als würde sie aus einem langen Schlaf erwachen. In ihrem Gesicht konnte man noch die Müdigkeit erkennen. Nur langsam öffneten sich ihre strahlend blauen Augen.