Cataneo – Die Rache Vortex‘ (Leseprobe)

Liebesbrief von Vortex

Liebste Prinzessin Splendor,

ich schreibe diese Zeilen, da ich mir wünsche, dass sie der Ewigkeit angehören. So wie ich mir dasselbe für uns erhoffe.
Wenn ich auf die Tage zurückblicke, bevor ich Euch traf, dann sehe ich dort Dunkelheit. Es gab niemanden, der mich je liebte, und niemanden, für den ich dies je empfand. Ich verfluchte die Einsamkeit und weinte in finsteren Stunden um den Verlust meiner Eltern. Ich begriff mein Schicksal nicht, bedauerte zutiefst, dass ich überhaupt am Leben war. Doch als die Dunkelheit nach so vielen Jahren unerträglich kalt wurde, überkam mich plötzlich ein warmes Wunder.
Als ich Euch an diesem Bach erblickte, schien es mir, als würde ein Licht in mich hineinfahren. Ich war sofort verzaubert. Ihr hattet mich mit Eurem bloßen Anblick in diesen wunderbaren Bann gezogen. Als Euer Blick den meinen traf, war ich festen Glaubens, Ihr würdet mir den Rücken kehren, doch als sich Eure Schritte näherten, spürte ich diese Magie aufsteigen, die uns sofort verband.
Euch gebührt nicht nur meine innige Liebe, Euch gebührt auch mein tiefer Dank. Ihr seid das Licht in meiner Dunkelheit. Nicht eine der Stunden möchte ich missen, die ich bislang mit Euch verbringen durfte. Ich erhoffe mir weit mehr, liebste Splendor. Ich will Euch mein ganzes Leben widmen, will Euch jeden Tag unseres Daseins ein Lächeln bescheren. Bis zum letzten aller Tage werde ich Eure Hand halten, Euch küssen und mit Liebe überschütten, auf dass es Euch an nichts fehlen mag. Das Geheimnis, das wir hüten, soll der Vergangenheit angehören. Ganz Cataneo soll wissen, was ich für Euch empfinde und dass Ihr ebenso für mich fühlt.
Ich würde jeden Schmerz ertragen, den mir Euer Vater mit Worten oder körperlich antun würde. Denn ich würde es für Euch tun und daher hätte all dies Sinn. Die ganze Welt könnte mich dafür verfluchen, Euch verführt zu haben, ich würde auch dies hinnehmen und ertragen, solange Ihr an meiner Seite seid. Ohne Euch bin ich nichts, meine Teuerste. Ohne Euch war ich nichts und werde nie mehr etwas sein. Nur bei Euch lebe ich, nur dank Euch empfinde ich das einzig Gute. Welche Kraft uns auch immer zusammenführte, sie wird uns auf ewig aneinander binden. Dessen bin ich mir sicher. Euer Schicksal ist das meine. Euer Weg wird mein Weg sein. Ich folge Euch, wohin Ihr auch gehen mögt. Ob in den schönsten oder furchtbarsten Stunden, ich werde für Euch da sein, gleich was kommen mag. Dies verspreche ich Euch, nicht für heute oder für morgen, sondern für die Ewigkeit, denn ich habe Euch mein Leben zu verdanken. Euer Verlust wäre mein Ende. Keinen Gedanken mag ich an eine Welt ohne Euch verschwenden, denn diese wäre wie damals – dunkel und kalt. Ihr seid das Licht in meinem Herzen. Ich möchte, dass Ihr dies wisst und dass es ein jeder weiß, der diesen Brief lesen wird.
Ihr seid das Wunderbarste, was je auf Cataneo wandelte. Und Ihr liebt mich – so unverständlich es auch für mich sein mag, so dankbar bin ich dafür. Eure Berührungen sind die einzig sanften in meinem Leben, Eure Worte die einzig lieben und Euer Blick stets der einzig bedeutende. Ich gehöre Euch. Für immer.
Ich werde auf den Tag warten, an dem Ihr Euer Geheimnis zu lüften vermögt. Ich werde Euch beistehen und bis aufs Blut verteidigen, wenn es sein muss. Ihr habt es verdient, Eure eigene Entscheidung zu treffen. Hört auf Euer Herz, Splendor, dann werdet Ihr das Richtige tun, wenn die Zeit für Euch gekommen ist, so wie ich mit diesen Worten auf das meine höre. Ich liebe Euch und diese Liebe wird Bestand haben – für alle Zeit, so schwöre ich.

Auf ewig der Eure
Vortex

Die Dunkelheit kommt

„Was um alles in der Welt?“, er hielt den Atem an. Unaufhaltsam verschlang der Schatten die Umgebung. Er sah ihn auf sich zukommen. Am weit entfernten Horizont lag schon alles in grauer Dunkelheit. Als seine Augen zum Himmel hinaufblickten, erkannte er, wie der Mond Splendor die Sonne verdunkelte. Der Schatten nahm ihn und seine Umgebung ein. Er fühlte seinen eigenen Herzschlag.
Es war furchtbar still. Vom Sonnenlicht blieb nicht mehr übrig als ein Lichtring, der mit aller Gewalt gegen Splendor anzukämpfen schien. Die Sonnenfinsternis war da. Die Prophezeiung wurde Wirklichkeit und Cataneo zum Schlachtfeld.

„Es ist soweit“, stellte Morris flüsternd fest. „Sie ist angekommen.“ Er ließ den Kopf sinken, während er seinen rechten Oberarm ergriff.
„Nicht anfassen“, ermahnte ihn Annoth. „Eure Verletzung muss ruhen, um zu heilen.“

Doch der Hauptmann wusste, dass ihm keine Zeit mehr blieb. Er konnte nicht darauf warten, dass die Schmerzen aufhörten, wenn dort draußen ein Krieg begann, der seine Welt verändern würde.
„Sie haben Euch schwer getroffen und so nützt Ihr uns im Kampf nichts.“
„Das werden wir ja sehen“, protestierte Morris, als er vom Balkon zurück in die Haupthalle trat.
Annoth schloss die Tür hinter ihm. „Der Schatten wird sicher lang genug bleiben, seid nicht stur.“
„Er hat recht“, hallte die Stimme König Zorthans, des Dritten, durch die Gemäuer.
Sofort verneigte Annoth sich ehrerbietend. „Mein König“, sprach er laut, während er sich seine Faust auf die Brust schlug. Zorthan schritt zu seinem Thron und wandte seinen Blick nur kurz von Morris ab. Er erkannte den tiefen Willen in den Augen des Hauptmannes. Irrsinn, so dachte der König. „Auf Euch würde nicht mehr als der Tod warten“, fuhr er seine Gedanken laut fort.
„Erlaubt mir zu sprechen“, bat Morris, dessen Wunsch Zorthan mit einem Nicken gewährte.
„Euch mag es närrisch oder stur erscheinen. Doch für mich wäre es das, wenn ich hier verweilen und warten würde. In dieser Zeit könnte so viel passieren, was wir nicht mehr zu ändern vermögen. Ich kann mich nicht Heerführer schimpfen, wenn meine Männer ohne mich losziehen müssen und ich erst nachkomme, wenn meine Wunde verheilt ist. Der Krieg wird nicht auf mich warten, Hoheit.“
„Der Krieg wird aber auch nicht durch Euch entschieden“, erinnerte ihn Zorthan. „Es ist nicht unser Kampf, Hauptmann.“
„Es ist aber unser Zuhause“, wandte Morris ein. „Mir hat mal jemand gesagt, dass ein Kampf nur bestritten werden kann, wenn man festen Glaubens ist, ihn gewinnen zu können. Diese Person hatte keine Aussicht auf Hoffnung, aber einen festen Willen. Sie hat bis zum Schluss gekämpft – mit dem Wunsch das Schicksal zu ändern.“ In seinen Augen sammelten sich Tränen, die er zurückzuhalten versuchte. „Ich hielt sie in meinen Armen, als sie starb“, erinnerte er sich weiter. „Sie bat mich Cataneo stets mit derselben Kraft zu beschützen, mit der ich sie zu beschützen versuchte. Lasst mich dieses Versprechen nicht brechen müssen, Hoheit.“
„Ihr redet von der Liebe“, erkannte Zorthan nachdenklich. „Diese sollte man gewiss niemals aufhalten. Vielleicht sollte ich Euch sogar einfach ziehen lassen.“
„Aber mein König“, protestierte Annoth, der nicht glauben konnte, dass Zorthan ihm wirklich gewähren wollte, in den Krieg zu ziehen. „Er wird nicht lange durchhalten.“
„Er wird“, versprach Zorthan, der Dritte. „Macht Euch auf die Suche nach dem Hexer Gerus. Er ist vor ein paar Tagen in der Stadt angekommen. Er stammt wie Ihr aus Zitelia und unterrichtete mich über die Visionen, die er von Eurem Kampf hatte. Er vermag Euch sicher schneller zu heilen und vielleicht wird er Euch in Eurem Vorhaben unterstützen oder Euch dazu bewegen, Eure Meinung zu ändern. Wenn einer weiß, ob es klug ist aufzubrechen, dann ein Mann, der die Zukunft gesehen hat.“
„So sei es, Hoheit.“ Morris verbeugte sich dankbar, bevor er Annoth am Arm packte und aus der Haupthalle führte.

Seit der Schlacht am Grauen See waren bereits einige Tage und Nächte vergangen. König Carus war schwer verletzt nach Neckmar zurückgebracht worden. Er hatte eine Menge Blut verloren und die erste Zeit mit hohem Fieber gekämpft. Doch die Götter waren ihm gnädig gestimmt, er war allem Anschein nach auf dem Weg der Genesung. Noch immer verweilte er in seinem Krankenbett und bekam nur selten Informationen über die Geschehnisse um ihn herum. König Zorthan wollte nicht, dass er sich unnötig sorgte. Es durfte nichts geben, das seine Gesundheit gefährden könnte. Über Morris‘ Kampfeslust sagte sein Freund Zorthan ebenfalls kein Wort. Er sprach auch nicht von der Sonnenfinsternis und hatte schon bei der Ankunft des verletzten Königs Carus den Befehl gegeben die Vorhänge geschlossen zu halten.
In seinem Zimmer war es finster. Nur ein paar Kerzen erhellten einige Teile des Raumes, auch den, in dem sich das Bett des kranken Königs befand. „Was ist dort draußen los?“, fragte er wissbegierig, doch noch immer geschwächt. „Erzählt mir davon!“
„Nichts von Belang, mein Freund“, beruhigte Zorthan ihn, während er ihm einen feuchten Lappen auf die Stirn presste. „Unsere Feinde sind derzeit ruhiger. Sie warten auf die bevorstehende Sonnenfinsternis.“
„Wie viel Zeit bleibt uns?“, wollte Carus wissen. Mühsam richtete er sich im Bett auf.
„Nicht mehr allzu viel. Aber wir sind gut vorbereitet. Neckmar wird so schnell nicht einnehmbar sein und Königin Lordas hat die Engel Splendors in ihren Reihen. Seid also nicht besorgt!“
Zorthan lächelte müde. Carus anzulügen fiel ihm nicht leicht, doch er konnte es sich nicht erlauben ihn aufzuwühlen. Sein Freund hatte genug mit den Schmerzen und mit dem Verlust seiner geliebten Hauptstadt Zitelia zu kämpfen. Ihm war so viel Schlechtes widerfahren. Sein Geist brauchte Ruhe – noch mehr als sein geplagter Körper.
„Es ist furchtbar dunkel hier drin“, beklagte Carus sich plötzlich. „Ein wenig Licht würde meine Stimmung sicher heben. Seid so gütig, Zorthan, und lasst nur einen Sonnenstrahl hinein.“
„Es ist bereits dunkel, mein Freund“, log Zorthan augenblicklich. „Ihr habt fast den ganzen Tag verschlafen.“
„Ich habe gar kein Zeitgefühl mehr.“ Carus sah ihn enttäuscht an. „Ich liege hier gefühlt schon eine Ewigkeit. Ich kann Tag und Nacht nicht voneinander unterscheiden. Ich wache auf und habe Schmerzen, ganz gleich wie spät es ist. Es war wohl nicht klug, als alter Mann in die Schlacht zu ziehen.“ Wehmütig blickten seine Augen an seinem Körper hinab. Er fühlte seine pochenden Wunden. Am Bauch hatten sie ihn stark verletzt. Er hatte mehr Glück als Verstand gehabt, das wusste er.
„Ihr habt einen Sieg davongetragen“, lobte Zorthan ihn. „Das erfordert Opfer und eine Menge Mut. Die Orkmeute wird vorerst etwas geschwächt sein. Ihr mögt mit Sicherheit alt sein, aber ihr seid auch unglaublich zäh, mein Freund.“
Carus lachte zufrieden. „Ich bin so schnell nicht klein zu kriegen“, erfreute er sich an den siegreichen Gedanken. „Splendor hat Größeres für uns geplant.“
„Wohl wahr, Carus, das hat sie.“ Zorthan lächelte, doch innerlich verzog sich sein Gesicht zu einer Trauermiene, denn das hatte sie tatsächlich – und sie hatte bereits damit begonnen, das wusste er.