Seitdem ich die positiven Ergebnisse meines Onkologen bekomme habe, ist einiges passiert. Man könnte sagen, dass ich nicht nur gesund geworden, sondern auch aufgewacht bin.
Ich will nicht den Eindruck vermitteln, als sei ich dieser Krankheit für irgendetwas dankbar und deshalb muss ich ganz deutlich darauf hinweisen, dass ich nur dankbar dafür bin, dass ich mir endlich einmal Zeit genommen habe, um mir tatsächlich Gedanken über mich und mein Leben zu machen. Ganz frei von Verpflichtungen, sei es in finanzieller oder sozialer Hinsicht. Wenn das eigene Leben bedroht wird, dann wirken alle anderen Ängste plötzlich winzig klein. In so einer Situation kümmert es einen nicht, ob man beispielsweise seinen Job verlieren könnte. Denn alles in unserem Leben wird nur von einem bestimmt – der Zeit.

Leider war mir schon lange vor meiner Erkrankung bewusst geworden, dass ich sie verplemperte. Jeden Tag sah ich auf die Uhr und wünschte mir endlich Feierabend zu haben. Jeden Tag starrte ich auf den Kalender in der Hoffnung, dass bald Wochenende sei. Es ist verrückt und doch wahr. Ich habe mir Stunden und Tage meines Lebens weggewünscht, weil ich dann endlich den Dingen nachgehen konnte, die mir Spaß machen und die mich erfüllen. Und ich wusste, wie furchtbar es war, dass ich das tat. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als einen Ausweg aus dem Hamsterrad, das ich mir selbst erbaut hatte. Ich dachte, ich bräuchte diesen Job und dass weder meine Familie noch mein Partner verstehen würden, dass ich dieses erdrückende Gefühl nicht mehr lange aushielt. In mir breitete sich etwas aus, dass mich mit Zorn und Enttäuschung erfüllte. Wie hätte ich es ihnen auch beschreiben sollen?
Außerdem glaubte ich, ohnehin zu wissen, was sie mir sagen würden. »Das wird schon wieder« oder »Such dir doch etwas Neues«. Das größte Problem war aber, dass ich nichts mehr in dieser Branche machen wollte. Ich würde woanders genauso eingehen wie an diesem Ort. Ich saß quasi fest.
Heute weiß ich, dass ich mir mit jedem unglücklichen Tag etwas furchtbar Schlimmes angetan habe. Ich hätte die Notbremse ziehen sollen, ganz gleich was es für Konsequenzen gehabt hätte. Schließlich spürte ich, wie das Unglück mich mehr und mehr füllte, so wie das Wasser in einer Badewanne, das langsam überzulaufen droht.
Ich habe gewusst, dass irgendetwas nicht stimmte. Ich habe es sogar laut ausgesprochen: »Das macht mich krank«. Diese Worte gingen mir ungefähr ein Jahr vor der Diagnose über die Lippen. Ich spürte, dass etwas nicht in Ordnung war. Ich ahnte nur nicht, wie schlimm es wirklich um mich stand.
Manchmal wünschte ich mir, ich könnte die Zeit zurückdrehen und all das verhindern. Ich glaube nämlich, dass der Krebs nicht grundlos ausbrach. Schließlich stand ich eine lange Zeit unter enormen Druck. Einem Druck, den ich mir selbst machte, indem ich mir jeden Tag sagte, wie unglücklich ich bin und dass es keinen Ausweg gäbe. Ich habe mich und all das Glück, um mich herum, aus den Augen verloren. All  meine Möglichkeiten. All die Chancen, die man jeden Tag aufs Neue geboten bekommt.
Erst als ich gezwungen war Abstand zu nehmen, habe ich das wirklich begriffen. Ich habe plötzlich verstanden, dass ich nicht unendlich viel Zeit habe und deshalb nicht auf bessere Zeiten warten sollte. Wenn sich etwas ändern soll, dann muss ich selbst dafür sorgen. Dabei darf man sich nicht nur auf die möglichen Risiken konzentrieren, die eine Veränderung mit sich bringt, sondern man sollte auch all die positiven Aspekte betrachten. Man sollte den Mut aufbringen, offen mit Familie und Freunden zu sprechen und sich nicht mit Floskeln abspeisen lassen. Es geht um die eigene Zukunft. Das eigene Leben. Es macht keinen Sinn auch nur einen Tag davon mit etwas zu vergeuden, das uns nicht mit Freude erfüllt. Ich habe erst in dieser schweren Zeit erkannt, dass einem eigentlich nichts im Wege steht – nichts, außer man selbst.

Mittlerweile habe ich meinen alten Job gekündigt. Direkt nachdem klar war, dass ich gesund bin, habe ich mein Schreiben aufgesetzt. Danach machte ich fleißig Werbung für meine Covergestaltung und habe kürzlich auch eine Stelle im Familienbetrieb angenommen. Ich kümmere mich ums Marketing und kann somit auch dort kreativ sein. Diese Tür hat sich gerade zur richtigen Zeit geöffnet und ich musste nicht mehr tun, als den Mut aufzubringen die Chance zu ergreifen. Aber ich weiß, dass ich auch ohne diesen Umstand nicht in den alten Job zurückgekehrt wäre. Ich würde mir das nie mehr antun.

Heute fahre ich gern zur Arbeit. Ich gucke weder permanent auf die Uhr, noch fiebere ich dem Wochenende entgegen. Ich liebe und genieße einfach jeden Tag. Das ist meine zweite Chance. Mein Leben 2.0. Ich habe nicht vor etwas davon zu verschwenden. Ich will meinen Träumen nachjagen, Arbeit leisten die mich erfüllt und meine Zeit mit Menschen verbringen, die mir guttun.

In diesem Sinne – Carpe Diem.

Liebste Grüße,

Christin