Seit meiner Operation im Juni hatte ich mich richtig gut gefühlt. Ich glaubte fest daran, dass ich das Schlimmste hinter mir hatte und sah positiv in die Zukunft. Niemals hätte ich einen Gedanken daran verschwendet, dass es anders wäre und mir noch ein langer Weg bevorsteht.

Am 14.10.2016 hatte ich meinen zweiten Kontrolltermin. Fünf Tage vor der Frankfurter Buchmesse freute ich mich noch darüber, dass die Ärztin meinte, es würde alles sehr gut aussehen. Auf dem Heimweg drehte ich das Radio auf und trällerte gutgelaunt mit. Wenige Tage später, also genau einen Tag vor meiner Abreise, erfuhr ich das mein LDH-Wert angestiegen war. Ausgerechnet der Wert, den die Ärzte im Auge behielten, da es bei meiner Erkrankung keine gängigen Tumormarker gibt. Nun ist es aber so, dass dieser Wert ein sehr schwammiger ist. Schon eine körperliche Überanstrengung oder ein Fehler beim Blutabnehmen können dazu führen, dass der Wert in die Höhe schnellt. Ich war also nur kurzzeitig besorgt, verließ mich dann aber wieder auf mein gutes Bauchgefühl. Ich beschloss daher nach Frankfurt zu reisen und zuversichtlich zu bleiben.

Am 27.10.2016 musste ich dann ins MRT. Zum Glück gehöre ich nicht zu den Menschen, die in dieser Röhre Panik bekommen. Ich hatte die Augen auf und beobachtete interessiert was so geschah. Das man etwas finden könnte, hielt ich auch weiterhin für unmöglich. Ich versuchte, keinen bösen Gedanken zuzulassen. Wenn es mir gelegentlich doch passierte, dann stieg in mir die Angst auf, die ich eigentlich nie wieder zu spüren bekommen wollte. Mir blieb also nur das Positive festzuhalten und jeden anderen um mich herum davon zu überzeugen, dass alles in Ordnung war.

Auf den 01.11.2016 freute ich mich bereits seit fast über einem Jahr. An diesem Abend würde Sebastian Fitzek seine Jubiläumsshow feiern und da ich die Karte schon so lange besaß, würde mich nichts davon abhalten.
Zum Glück habe ich mich davon auch nicht abhalten lassen, auch wenn ich ein paar Stunden vorher weinend zusammengebrochen war. An diesem Tag hatte ich nämlich das Gespräch mit meinem Arzt, der mir den Befund des MRT-Berichts mitteilte. Leider gab es keine guten Neuigkeiten. Er sagte mir, dass man etwas im linken Beckenbereich sah. Es hatte eine Größe von 4cm. Um mir sagen zu können was es ist, müsste man nachsehen. Diesmal wollte man allerdings nur eine Bauchspiegelung machen. Erneut den Bauch öffnen, würden sie nur im äußersten Notfall. Dann ging das Worst Case Szenario weiter. Er erklärte mir, dass wenn es sich um einen bösartigen Tumor handelt, ich nicht um eine Chemotherapie herumkommen würde.
»Sie müssen sich dann von ihren Haaren verabschieden.«
Dieser Satz ließ alle Dämme brechen. Nicht weil ich um meine Haare weinte, sondern weil mir bewusst wurde, dass das tatsächlich passierte. Mir passierte gerade etwas wirklich Schlimmes und trotz meines ganzen Optimismus, konnte ich all das nicht verhindern. Ich fühlte mich furchtbar ausgeliefert und hilflos. Ich glaube, es dauerte etwa zwei Stunden, bis ich die Beherrschung wiederfand. Danach ging ich mein Make-up auffrischen und machte mich auf den Weg zur Show. Während ich dort saß, dachte ich immer wieder darüber nach, wie dankbar ich war, das erleben zu dürfen. Wie gut es ist, mich trotzdem aufgerafft zu haben.

Am 11.11.2016 war es dann soweit. Mich erwartete meine nächste Operation. Morgens war ich sehr aufgeregt, weil ich nicht wusste, ob es bei einer Bauchspiegelung bleiben würde und was der Radiologe auf dem MRT Bildern sah. Ich wusste, dass es in jeder Hinsicht zu 50% gutgehen – aber auch zu 50% schlechtgehen – konnte. Trotzdem hatte ich mir in der Zeit vor der Operation wieder eine Menge Mut gemacht. Meine Zuversicht war längst wieder da. Egal was mich erwarten würde, ich würde auch das noch schaffen. Noch bevor ich die allseits bekannte »Leck-mich-am-Arsch«-Tablette nahm, beherrschte mich eine ungeahnte Ruhe. Ich wollte nur noch, dass es losging. Ich hatte keine Angst mehr.
Als ich nach der Operation die Augen aufschlug, wusste ich es schon. Ich konnte spüren, dass man den Bauch erneut geöffnet hatte. Aus einer geplanten Bauchspiegelung war ein erneuter Bauchschnitt geworden. Diesmal war es jedoch noch ein größerer Schnitt. Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich selbst überrascht habe, denn statt zu fluchen oder zu weinen, habe ich diesen Umstand noch im selben Augenblick einfach akzeptiert. Mir war klar, dass mich eine Chemo erwarten würde. Auch daran hatte ich keinen Zweifel mehr, schließlich hatten wir ja besprochen, dass der Bauch nur im Notfall geöffnet wird. Auch dieses Wissen schockierte mich nicht. Ich war deutlich fitter als beim letzten Mal und stand nach der Operation direkt auf. Auch wenn es mir erstaunlich gut ging, musste ich noch fünf Tage im Krankenhaus bleiben. Währenddessen wurde ich bereits darüber aufgeklärt, dass einer meiner Lymphknoten befallen war. Vorsorglich entnahm man mir sechs Weitere. Sie alle waren vom Krebs verschont und das bedeutet, dass ich mit viel Glück bereits gesund bin. Ich könnte mich also darauf verlassen und mein Leben ohne Chemo weiterführen. Falls irgendwo noch eine Zelle versteckt sein sollte, wüsste ich aber, dass dieser Krebs sehr schnell wächst. In fünf Monaten hatte es der Tumor auf die Größe eines Ei´s gebracht. Mein Bauchgefühl hatte mich schon einmal getäuscht und die Vorstellung einer dritten Operation ertrage ich nicht. Ich will nur noch gesund sein und dass all das der Vergangenheit angehört. Wenn es nötig wäre, würde ich dafür auf den Mount Everest klettern, bis zum Mond fliegen oder bis zum tiefsten Punkt der Erde tauchen. Ich würde eine Menge auf mich nehmen und daher ist die Chemo nun einmal der Weg für den ich mich entschieden habe. Selbst wenn es bedeutet, dass ich mich auf drei schlechte Monate einstellen muss, denke ich nur an all die guten Jahre, die ich dafür bekommen werde. Haare wachsen nach und gegen Übelkeit gibt es heutzutage so viele Mittel. Ich habe keine Lust mehr mich hilflos zu fühlen. Ich möchte diese Angelegenheit nun selbst in die Hand nehmen und mich wehren.

Diesen Weg gehe ich ja auch nicht allein. An meiner Seite sind so viele wundervolle Menschen, die mir jeden Tag Kraft geben und mir Mut machen. Dank ihnen werde ich das schaffen. Bald wird diese Zeit dann nur noch der Vergangenheit angehören und ich werde an Erfahrung und innerer Stärke gewonnen haben.

Bleibt gesund und seit dankbar für jeden Tag in eurem Leben.

Liebste Grüße,

Christin