Für den dritten Zyklus hatte ich mir fest vorgenommen, meine Nebenwirkungen in den Griff zu bekommen. Schließlich sollten das bestenfalls die letzten Tage im Krankenhaus sein und das motivierte mich. Ich lutschte während meiner Chemo täglich Eiswürfel, damit die Mundschleimhäute weniger stark durchblutet wurden. Zudem verweigerte ich das Krankenhaus-Essen, das ich mittlerweile weder sehen noch riechen konnte. Stattdessen ließ ich mir immer etwas von meinem Besuch mitbringen. Das funktionierte während meines Aufenthalts auch prima, doch nachdem ich das Krankenhaus verlassen durfte und das erste Wochenende zuhause überstanden hatte, musste ich erneut zur Chemo. Meine Blutwerte waren gut, doch mein Körper sagte mir etwas anderes. Ich spürte, dass ich nicht mehr konnte, und sagte der Schwester, dass ich mich schlapp fühlte. Aufgrund der guten Blutwerte wurde die Chemo trotzdem gemacht und schon am nächsten Tag bekam ich dafür die Quittung. Es ging mir furchtbar schlecht. Ich hatte diesmal alle zuvor erfahrenen Nebenwirkungen auf einmal und musste mich erstmals sogar übergeben. In dieser Zeit war ich nicht nur körperlich, sondern auch psychisch total am Ende. Ich konnte einfach nicht mehr und ich wollte auch nicht mehr. Umso erleichterter war ich, als mein Onkologe aufgrund einer Magenschleimhautentzündung auf meine letzte Chemo verzichtete. Ich konnte gar nicht fassen, dass ich womöglich mit all dem durch war und der Schrecken ein Ende nahm. In den vergangenen Wochen hatte ich so oft dafür gebetet, dass alles gut werden würde. Schließlich hatte sich mein Leben so extrem verändert und ich vermisste es – ebenso sehr wie ich mich vermisste. Nie zuvor hatte ich so oft geweint oder mich von Ängsten erfüllt gefühlt. Ich durfte weder Autofahren noch konnte ich Schreiben. Meine Kreativität hatte sich ebenso wie meine körperliche Kraft verabschiedet. Ich kämpfte mich oft schwer atmend Treppenstufen hinauf und konnte wegen meines schwachen Immunsystems nicht mal meinen Vater und Bruder an Weihnachten in den Arm nehmen. Meine Geschmacksnerven waren durcheinander und so ging der Genuss verloren. Ich hatte mich noch nie zuvor so intensiv mit Essen beschäftigt. Nun lag ich stundenlang im Bett und rief mir den Geschmack etlicher Gerichte in Erinnerung. Ich vermisste so viel. Mein Lachen und mein alberner Gesang, wenn ich gute Laune hatte. Ebenso wie die Freiheit einfach in den Supermarkt zu können oder Urlaubspläne zu schmieden. Schließlich war es schwer eine ungewisse Zukunft zu planen. Ich hatte schon einmal geglaubt gesund zu sein und hatte nun furchtbare Angst davor, mich erneut zu früh zu freuen. „Ich muss es erst Schwarz auf Weiß sehen“, sagte ich bei meiner Entlassung und das hat sich bis jetzt noch nicht geändert. Ich freue mich über gute Ergebnisse und mir ist ein Stein vom Herzen gefallen, als ich erfahren habe, dass der entscheidende Blutwert im Normbereich ist und doch bleibt in mir dieser letzte Wunsch zurück. Der, dass ich diesmal ein positives Ergebnis bekomme, wenn ich mit meinem Onkologen über den Bericht des MRTs spreche.
Die Untersuchung habe ich bereits hinter mir und somit heißt es nun warten. Warten und hoffen – darauf, dass meine Gebete erhört wurden und darauf, dass sich die Vorstellung meiner Zukunft erfüllen wird.

An dieser Stelle möchte ich euch allen ganz herzlich danken. Schließlich ist Krebs kein Thema über das man gern spricht und mit dem man sich gern befasst. Wer will sich schon bewusst machen, dass dieser Schrecken tatsächlich existiert? Und doch habt ihr meine Beiträge gelesen und habt euch furchtlos damit auseinander gesetzt. Ihr habt mir beigestanden und mir Mut gemacht. Nicht nur durch die lieben Kommentare, sondern auch in Privatnachrichten, E-Mails und Briefen. Ich hätte nicht erwartet, auf so viel Mitgefühl und Interesse zu stoßen. Es hat mich ehrlich überrascht und tief berührt. Zu wissen, dass viele von euch in all diesen Wochen an mich denken, mir manchmal sogar in Zeiten des Kummers zur rechten Zeit geschrieben haben und so voller Hoffnung waren, hat mir Kraft gegeben. Ich weiß noch nicht, wie meine weitere Reise aussehen wird. Ich wünsche mir natürlich sehr, dass ich euch bald gute Nachrichten überbringen darf und sich danach wieder alles um meine Geschichten, Buchmessen und mein Autorenleben drehen wird. Aber ich möchte auch weiterhin Einblicke in mein privates Leben geben. Denn auch wenn ich durch diese Krankheit viel erleiden musste, so habe ich auch viel gelernt. Ich glaube, dass man dieses Wissen teilen sollte, um dieser schweren Zeit einen Sinn zu geben. Ich würde mich daher sehr freuen, wenn sich unsere Wege auch in Zukunft nicht trennen und ihr dabei sein werdet, wenn ich mir meine Träume erfülle und euch dazu motiviere es mir gleichzutun.

Fühlt euch gedrückt.

Liebste Grüße,

Christin