Kurz vor Weihnachten ging ich wieder ins Krankenhaus, um mich dem zweiten Zyklus zu stellen. Normalerweise würde ich zu dieser Zeit mit meiner besten Freundin zum Lübecker Weihnachtsmarkt fahren, doch von Normalität war ich weit entfernt. Schließlich waren die kommenden Tage davon bestimmt, dass man mich täglich über zwölf Stunden an den Tropf hängte, um meine Nieren zu spülen. Morgens ging ich zur Chemotherapie, nachmittags bekam ich Besuch und abends versuchte ich, so schnell wie möglich einzuschlafen, damit ich diese Zeit irgendwie hinter mich brachte. Vom täglichen Blutabnehmen, Wiegen, Fieber- und Blutdruckmessen ganz zu schweigen. In richtige Weihnachtsstimmung kam ich so nicht – ganz im Gegenteil. Wenn ich an diese Tage dachte, überkam mich Traurigkeit. Ich verpasste schließlich nicht nur den jährlichen Besuch des Lübecker Weihnachtsmarktes, sondern auch den 30. Geburtstag meiner besten Freundin. Außerdem ging es mir mit jedem Tag schlechter und dabei wollte ich nichts mehr, als die Zeit mit meiner ganzen Familie verbringen.
»Ich sage es ihnen ganz ehrlich«, begann mein Onkologe. »Weihachten ist dieses Jahr im Arsch.«
Ich übertreibe nicht, das war seine Wortwahl und auch wenn ich es mir anders gewünscht hatte, er sollte Recht behalten. Zu meinem Glück entließ er mich jedoch nicht nur mit diesen Worten aus dem Krankenhaus, sondern machte mir noch eines der größten Geschenke. Zum ersten Mal erfuhr ich, dass ich vielleicht nur drei, statt vier Zyklen durchstehen musste. Nach dem dritten Zyklus plante mein Onkologe ein MRT und sofern es ohne Befund bleibt, würde man auf den letzten Zyklus verzichten. Ich konnte es gar nicht fassen, schließlich bedeutete das, dass ich womöglich schon mitten in der Halbzeit war. Diese Nachricht beflügelte mich so sehr, dass mein Körper die letzten Kräfte mobilisierte und ich, trotz flauem Gefühl im Magen, strahlend nach Hause fuhr.
Danach hatte ich mit einigen Nebenwirkungen zu kämpfen und die Vorhersage meines Onkologen bestätigte sich. Weihnachten war im Arsch. Ich konnte tagelang weder essen noch viel trinken und so quälte ich mich durch den zweiten Zyklus. An einem Tag war ich so schwach, dass ich das Gefühl hatte, meine Beine wären wie Pudding und an einem anderen, an dem ich endlich wieder richtig trinken konnte, weinte ich vor lauter Erleichterung.
An Sylvester wollte ich dann nur noch eines – dieses Schreckensjahr endlich hinter mich bringen. Nachdem das endlich geschafft war, flossen eine Menge Tränen. Schließlich hatte ich die Krebsdiagnose, zwei Bauchschnitte, den Verlust eines Eierstocks, den Befall eines Lymphknotens, das Setzen des Ports und die ersten beiden Zyklen der Chemotherapie hinter mir. Auch wenn ich immer versuche positiv zu denken, stecken trotz allem so viele Ängste in mir. Oft spreche ich nicht darüber, und versuche auch nicht darüber nachzudenken. Ich will ihnen kein Gewicht geben und doch ist es so, dass ich genau weiß, dass sie bleiben werden. Das ich von nun an mit ihnen leben muss. Sie gehören zu dieser Erfahrung, denn sie sind das Wissen, dass sich das Leben schlagartig ändern kann. Ich kann nicht in die Zukunft gucken und weiß daher nicht, was mich noch erwartet – ich weiß nur, dass ich für jeden Tag dankbar sein werde, an dem ich mein Leben genießen kann.

Passt auf euch auf.

Liebste Grüße,

Christin