Cisplatin, Etoposid und Bleomycin. Das sind die drei Medikamente, die dafür sorgen werden, dass jegliche Krebszelle stirbt. Im Vorgespräch mit meinem Arzt hieß es zudem: »Sie bekommen eine ziemlich harte Therapie.«
Danach folgten eine Reihe von Informationen über die Nebenwirkungen. Haarausfall, Beeinträchtigung der Schleimhäute, Verfärbung der Nägel, Übelkeit, eventuelle Schädigung der Nieren und Lunge. Den Rest habe ich schon nicht mehr mitbekommen. Die Liste ist zu lang. Ich nickte nur und konzentrierte mich darauf nicht in Tränen auszubrechen. Mir kam das alles vollkommen surreal vor. Ganz so als würde ich Träumen – nur das ich nicht aufwachte.
Dann der nächste Punkt. Man bespricht keine Heilungschancen. Wenn man Krebs hat, reden Ärzte grundsätzlich nur von einer Überlebensrate für die nächsten 10 Jahre. Zumindest darf ich mich darüber freuen, dass diese hoch ist. 85% hieß es, doch bevor ich überhaupt reagieren konnte, betonte der Arzt mit Nachdruck, dass es eben noch die anderen 15% gibt. In diesem Moment wurde mir klar, dass man als Krebspatient nicht zimperlich behandelt wird. Es wird weder etwas beschönigt, noch verschwiegen.
Trotzdem machte man mir danach noch Mut. Ich bin jung, mein Körper wird das gut verkraften und da (Gott sei Dank) ansonsten alles gut ist, gehen sie davon aus, dass ich nach der Chemo wieder ganz gesund sein werde.
Gesund. Was für ein schöner Gedanke.
Danach schob man mir einen mehrseitigen Informationsbogen entgegen, den ich unterschreiben sollte, sofern ich mit der Chemotherapie einverstanden sei. Von solchen Bögen habe ich seit Mai bestimmt schon über zehn Stück unterschrieben. Hunderte Nebenwirkungen, mögliche Komplikationen und Hinweise aller Art. Wen kümmert das, wenn es um das allerwichtigste geht – ums eigene Leben.

Danach folgte die Vorbereitung auf den Therapiestart. Damit man mir problemlos alle Infusionen geben kann, brauchte ich einen Port. Das ist ein Zugang zu einer herznahen Vene. Diesen bekam ich dann am 25.11.2016 unter örtlicher Betäubung. Auch dafür hatte ich wieder einen dieser Informationsbögen unterschrieben und wurde darüber aufgeklärt, was alles passieren könnte. Ich war zwar unglaublich nervös, aber zu meinem Glück lief alles glatt und der Port funktionierte.
Am Montag den 28.11.2016 begann dann bereits die Chemo. Geplant sind insgesamt 4 Zyklen, die jeweils 3 Wochen dauern. In den ersten fünf Tagen eines Zyklus, befinde ich mich stationär im Krankenhaus, um eine Schädigung der Nieren zu verhindern. An dem achten und fünfzehnten Tag besuche ich das Krankenhaus nur ambulant.
Als ich das erste Mal zur Chemoabteilung ging, machte ich mir innerlich Mut. Ich sagte mir immer wieder, dass es nur drei Monate sein würden. Drei harte Monate, gegen all die guten Jahre. Ich dachte an Disneyland, an den Jakobsweg, an Rom und an all die anderen Dinge, die noch auf meinem Wunschzettel stehen. Während man mir Blut abnahm, sah ich mir die anderen Betroffenen an. Sie waren alle deutlich älter als ich, hatten bereits eine Glatze, aber lachten, ganz so, als säßen sie beim Kaffeeklatsch. Ich war beeindruckt, schließlich hatte ich ein ganz anderes Bild erwartet. Irgendwie trostloser. Danach bekam ich bereits die ersten Infusionen. Neben den Chemomedikamenten gab es Cortison und Mittel gegen Übelkeit und allergischen Reaktionen. Jeder fertige Beutel kam in einen Behälter, auf dem ein Totenkopf abgebildet war. Das Zeug war giftig, keine Frage. Trotzdem hatte ich mir vorgenommen, es nicht als etwas Feindliches zu betrachten. Niemand in diesem Raum wollte mich umbringen, sondern mir helfen. Statt Chemo nannte ich es daher Zellenkur. Ganze vier Stunden saß ich auf meinem Platz und ließ einfach alles auf mich wirken. Nebenbei schrieb ich mit meinem Schatz und meinem Bruder. Sie beide lenkten mich ab, so kam ich nicht auf die Idee irgendetwas zu erwarten. Weder Übelkeit noch irgendeine andere Reaktion. Und so passierte auch nichts.
Weder an diesem, noch an einem der anderen ersten fünf Tage.
Trotzdem blieb auch ich nicht völlig von Nebenwirkungen verschont. Meine Mundschleimhäute sind mittlerweile so angegriffen, dass ich ziemliche Probleme mit ihnen habe. Ich kann nicht viel schmecken und kämpfe mit Schmerzen. An manchen Tagen ist es kaum auszuhalten und dann bricht meine Mauer aus Zuversicht zusammen. Ich weine bitterlich. In dieser Zeit frage ich mich immer wieder, wieso all das passieren musste. Ich suche nach Antworten, die mir niemand geben kann. Ich weiß nur, dass ich da durch muss. Es gibt keinen anderen Weg als jeden Schmerz zu ertragen und mich jeder Angst zu stellen. Tapfer finde ich mich in diesen Momenten keineswegs. Ich erkenne mich dann einfach selbst nicht wieder. Besonders in diesen Minuten habe ich aber das ganz große Glück an meiner Seite. Mein Schatz spricht mir Mut zu und gibt mir Hoffnung. Er erinnert mich daran, wofür ich all das ertrage.
Es ist irgendwie verrückt, aber ich möchte trotzallem mit niemandem tauschen. Ich liebe ihn, meine Familie, meine Freunde – mein Leben. Ich bin mit so vielen guten Dingen gesegnet, dass ich gern in meiner Haut stecke. Auch wenn sie momentan ziemlich unbequem ist, scheuert und zwickt. Es ist nur eine Momentaufnahme. Die Zeit vergeht so schnell und schon bald wird sie wieder gut sitzen. Bequem und Heil.

Passt auf euch auf und bleibt gesund.

Liebste Grüße,

Christin